SWAROVSKI OPTIK | Individualisierte Produktion

Mit einem Pilotprojekt setzt SWAROVSKI OPTIK wichtige Impulse in Richtung Losgröße 1. Unterstützung kam dabei vom Fraunhofer Innovationszentrum »Digitale Transformation der Industrie« in Wattens.

Haben Sie schon einmal etwas von »Birding« gehört? Das Nischenhobby Vogelbeobachtung lockt vor allem Städterinnen und Städter raus in die Natur und lag 2017 weltweit voll im Trend. Zum wichtigsten Ausrüstungsstück der Vogelbeobachterinnen und -beobachter zählt mitunter das Fernglas. Einer der weltweit führenden Anbieter hochqualitativer Fernoptik für die Jagd, Natur- und Vogelbeobachtung sowie für Reise und Freizeit kommt dabei aus Österreich. SWAROVSKI OPTIK mit Sitz in Absam in Tirol wurde 1949 von Wilhelm Swarovski gegründet. Seine Passion für die Astronomie weckte in ihm schon in jungen Jahren den Ehrgeiz, ein eigenes, verbessertes Fernglas zu bauen. Fast 70 Jahre später produziert das Unternehmen nicht nur Ferngläser, sondern auch Teleskope, Zielfernrohre und optronische Geräte, beschäftigt rund 900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ist in 89 Ländern erfolgreich vertreten. Nun steht im Sinne der digitalen Transformation die Vision von SWAROVSKI OPTIK, die Produktion ausgewählter Produkte von der Serienherstellung zur Losgröße 1 zu wandeln. »Der Wunsch nach individuellen Produkten und damit der Ruf nach mehr Gestaltungsmöglichkeiten wird heute vor allem bei unserer Zielgruppe für Reise- und Freizeit-Produkte immer lauter. Darauf haben wir nun reagiert«, erklärt Technikvorstand Gerd Schreiter. Gemeinsam mit Fraunhofer Austria startete SWAROVSKI OPTIK ein Pilotprojekt, um beispielhaft für ein Produkt aus der CL-Fernglasfamilie eine kundenspezifische Produktindividualisierung zu ermöglichen.

Wandel zur Losgröße 1

Bei der digitalen Transformation stehen nicht nur Technik und Effizienz im Vordergrund, vielmehr geht es am Ende auch um zusätzliche Wertschöpfung und neue Mehrwerte für die Endkundinnen und Endkunden. Dabei ist die Individualisierung der Produkte ein wesentlicher Wettbewerbsfaktor. »Die Konsumentinnen und Konsumenten fordern heute immer mehr Individualteile. Unternehmen stehen daher heute vor der Herausforderung, ihre Produktion so anzupassen, dass es auch aus wirtschaftlicher Sicht umsetzbar ist«, betont Philipp Hold, Projektleiter bei Fraunhofer Austria. Ziel des Projekts war es daher, Art und Umfang der notwendigen Anpassungen in den Bereichen Arbeitsvorbereitung, Fertigung, Montage und Logistik sowie in den begleitenden, administrativen Prozessen zu bestimmen. Darüber hinaus wurden auch die Auswirkungen der unterschiedlichen Produktkonfigurationen auf Organisation, Planung, Prozessabläufe und Produktionstechnologie sowohl qualitativ als auch quantitativ bewertet.

Wertstromanalyse

In einem ersten Analyseschritt wurde im Werk von SWAROVSKI OPTIK eine Wertstromanalyse durchgeführt. Mithilfe dieser Methode visualisieren die Forscherinnen und Forscher sämtliche Prozesse und deren Aufwände von der Kundenbestellung bis hin zur Auslieferung eines Produkts an die Kundin bzw. den Kunden, wodurch eine synchrone Erfassung von Prozessabläufen und deren Prozesskosten ermöglicht wird. Neben dem physischen Wertstrom hat das Fraunhofer Austria-Team auch den administrativen Wertstrom analysiert. »Sobald es um individuelle Produkte geht, nimmt auch die Komplexität der Organisation dahinter deutlich zu«, meint Hold. Er erklärt weiter: »Bei Losgröße 1 muss man genau die richtigen Informationen zur richtigen Zeit an die Mitarbeiterin bzw. den Mitarbeiter bringen, um eine entsprechende individuelle Fertigung auch umsetzen zu können.«

Individualisierungsmöglichkeiten

In einem nächsten Schritt wurden die unterschiedlichen Variantenausprägungen, die später individuell von der Kundin bzw. dem Kunden zusammengestellt werden können, in einem gemeinsamen Workshop mit Produktmanagement und Marketing definiert. »Logistisch und produktionstechnisch ist zwar viel möglich, aber nicht alles ist auch betriebswirtschaftlich sinnvoll. Letztendlich geht es darum, die Produkte in bester Qualität, aber dennoch wirtschaftlich erzeugen zu können«, so der Projektleiter seitens Fraunhofer Austria.

Modellierung des Produktionssystems

Unter Betrachtung logistischer und produktionstechnischer Gesichtspunkte wurde in einer detaillierten Modellierung des Produktionssystems die Herstellung der einzelnen Kundenindividualprodukte abgebildet. Dabei erfolgte eine Durchleuchtung und Bewertung des gesamten Produktionsflusses. Das Ergebnis: eine realitätsnahe, digitale Abbildung der Produktion. Durch Anpassungen im digitalen Modell wurden Verbesserungen für die Realproduktion generiert und getestet, wodurch das Potenzial deutlich gehoben und die Wirtschaftlichkeit gesteigert werden konnte. Die unterschiedlichen Analysen und Bewertungen von Fraunhofer Austria lieferten SWAROVSKI OPTIK schließlich die notwendige Entscheidungsgrundlage für die angedachte Einführung der Losgröße 1 bei einer ausgewählten Produktlinie. Auch für eine potenzielle Umsetzung eines Online-Produktkonfigurators mit direkter Verknüpfung an die Fertigungs- und Montageprozesse erstellten die Produktionsexpertinnen und -experten ein entsprechendes Lastenheft und identifizierten weitere Optimierungspotenziale für den Tiroler Fernglashersteller.

Factbox

Projekt:

Bewertung der Produktindividualisierung im Hinblick auf Organisation, Prozesse und Kosten

methoden: Wertstrom- und Prozessanalyse; technische, logistische und betriebswirtschaftliche Machbarkeitsprüfung
ergebnisse:

Kosten-Nutzen-Bewertung von individualisierten Produkten

Laufzeit:
6 Monate