Tacit-TALK – Implizites Erfahrungswissen durch KI erfassen, sichern und nutzbar machen
Wenn erfahrene Mitarbeitende ein Unternehmen verlassen, geht mit ihnen Wissen verloren, das nirgendwo dokumentiert ist. Der demographische Wandel verschärft dieses Problem. Fraunhofer Austria hat gemeinsam mit Infineon Technologies Austria einen KI-gestützten Proof-of-Concept entwickelt, der genau hier ansetzt.
Ausgangslage: Wissen, das sich nicht einfach aufschreiben lässt
Erfahrungswissen entsteht über Jahre. Es steckt in Entscheidungsmustern, in Erfahrungswerten, in dem, was Fachleute intuitiv tun und nicht in Handbüchern. Klassische Dokumentationsmethoden erfassen dieses implizite Wissen kaum. Der demographische Wandel macht das Problem skalierbar: Je mehr Expert:innen gleichzeitig in Pension gehen, desto größer der Verlust. Speziell in der Halbleiterindustrie handelt es sich um sehr spezifisches, schwer ersatzbares Fachwissen. Es erfordert daher gezielte Methoden, um dieses Praxiswissen frühzeitig zu sichern und für nachrückende Fachkräfte zugänglich zu machen.
Lösung: Ein KI-System, das zuhört und strukturiert
Im Projekt Tacit-TALK entwickelten Fraunhofer Austria und das Fraunhofer IAO gemeinsam mit Infineon Technologies Austria ein KI-gestütztes Interviewsystem zur Sicherung und Bereitstellung dieses Wissens. Das System führt natürliche, gesprochene Dialoge mit den Mitarbeitenden – intuitiv und ohne technische Hürden für die Belegschaft. Das Fundament der Entwicklung bildete ein Value-based Requirements Engineering mit den Infineon-Stakeholdern. Reale Nutzerbedürfnisse, Pain Points und User Journeys gaben dabei die Richtung vor, um einen echten Mehrwert jenseits reiner technischer Machbarkeit zu schaffen.
Der entscheidende Mehrwert entsteht durch die Verarbeitung: Das Praxiswissen wird nicht einfach abgelegt, sondern durch einen dynamischen Knowledge Graph direkt mit der formalen Dokumentation vernetzt. Dank semantischer Vektorspeicherung finden Nutzer:innen später die passenden Informationen. Ein Human-in-the-Loop-Mechanismus als zwischengelagerter Prüfschritt sorgt für die Zuverlässigkeit der Daten. Zudem sorgt ein intelligentes KI-Gedächtnis dafür, dass der Kontext aus früheren Gesprächen erhalten bleibt und das Wissen auch nach Monaten noch nahtlos zur Verfügung steht.
Da technologischer Fortschritt auch rechtliche Sicherheit erfordert, begleitete eine gezielte Compliance-Analyse nach dem EU AI Act das Projekt. Fraunhofer Austria und das Fraunhofer IAO leiteten daraus handfeste, praxistaugliche Handlungsempfehlungen ab, um für verantwortungsvollen Einsatz des Systems im Arbeitsalltag zu sorgen. Unternehmen, die Erfahrungswissen systematisch sichern wollen, bevor es verloren geht, finden in Fraunhofer Austria einen erfahrenen Partner von der Anforderungsanalyse bis zum Prototyp.
»Mit Tacit-TALK haben wir gemeinsam mit Fraunhofer Austria einen entscheidenden Schritt gemacht: Erfahrungswissen, das bisher in den Köpfen unserer Expertinnen und Experten geblieben ist, kann jetzt systematisch erfasst und nutzbar gemacht werden. Der Proof-of-Concept zeigt klar, dass das technisch funktioniert und dass Bedarf für solche Lösungen vorhanden ist. Fraunhofer Austria kennt unsere Strukturen und unsere Anforderungen. Das macht die Zusammenarbeit effizient und die Ergebnisse direkt anwendbar.«
Daniel Valtiner, Infineon Technologies Austria
Fraunhofer Austria